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“STERBEN IST NICHTS FÜR AMATEURE“
Nachruf auf den Filmproduzenten Laurens Straub von Thomas Knauf
Er war nicht der einzige Holländer, der in Deutschland sein Glück versuchte, aber der eskapistischte unter denen, die nur in größeren Zusammenhängen ihr Talent entfalten können. Im Mai1963, als die Beatles mit ihrer ersten Platte ‚Please, please me’ die Musikwelt eroberten, kam der Neunzehnjährige in München an der Falkenberg-Schule an, um Schauspieler zu werden. Lange hielt er sich jedoch mit dem mimischen Rollenspiel nicht auf, nach einer Rolle in F.J. Spiekers ‚Wilde Reiter GmbH’ zog es ihn zur Drehbucharbeit und Regie. Als Wunschkind protestantischer Eltern und begabter homo ludens war er von sich überzeugt, überall gebraucht zu werden. Den Drang seines Vaters nach Geschlossenheit und Selbstbeschränkung hielt er für unannehm-bar, die Angst vor Brüchen oder Verzettelung für altmodisch. Die 1960-er Jahre waren alles andere – Aufbruch, Revolte, der Traum von etwas an-derem. KINO der Ideen und Bilder einer gefühlten Wirklichkeit. Von Paris und Prag schwappte die Neue Welle des Autorenfilms nach München, wo in den Cafés von Schwabing die Heimatlosen, Süchtigen und Desperaten sich die Filme erzählten, die in ‚Papas Kino’ nicht vorkamen. In Hof gründeten sie 1967 das ‚kleinste Filmfestival der Welt’, um basisdemokratisch ihre „flüssi-gen, gottbehüte überflüssigen Geschichten“(Frankenpost) zu zeigen, Bier zu trinken und Fußball zu spielen. Laurens Straub war von Anfang an dabei und trommelte unter den Jungfilmern für einen unabhängigen Verein zum Zwecke kollektiver Stoffentwicklung, Produktion und Vertriebswirtschaft. 1970 grün-dete er mit Rainer Werner Fassbinder, Wim Wenders, Volker Vogeler, Peter Lilienthal, Uwe Brandner, Hark Bohm, Hans W.Geissendörfer, Thomas Scha-moni u.a. den FILMVERLAG DER AUTOREN und wurde 1972 dessen Geschäftsführer. Bis zu seinem Ausscheiden 1977 entstanden über hundert Filme, darunter einige Klassiker des Jungen Deutschen Films. Während die frühen Werke von Wenders, Fassbinder, Herzog auf Festivals Preise ein-heimsten und in Paris, New York, Tokio frenetisch als ‚German World Cine-ma’ gefeiert wurden, liefen die Autorenfilme aus München in bundes-deutschen Kinos eher schleppend, in der DDR erst 1980 in einer kleinen Rei-he im Potsdamer Filmmuseum. Laurens Straub reiste in all den Jahren mit Filmbüchsen des Filmverlags im Gepäck um die Welt und wurde nicht müde, das deutsche Autorenkino gegen Warner Bros., Mosfilm und Quotenfern-sehen zu vertreiben. Nebenbei produzierte und schrieb er Filme für Herbert Achternbusch, Radu Gabrea und Frank Ripploh. Dessen drastische Schwulen-komödie ‚Taxi zum Klo’(1981) avancierte zum Überraschungserfolg und errang in Saarbrücken den Max-Ophüls-Preis. Als der Filmverlag der Auto-ren an inneren Querelen seiner Mitglieder in die Krise geriet, gründete Straub mit zwei Partnern und in Kommission mit George Harrisons Firma HAND-MADE den Verleih FILMWELT. Ihm verdanken die deutschen Kinogänger das Vergnügen der Monty-Python-Filme, die Streifen von Stephen Frears und Neil Jordan, den Politskandal mit Achternbuschs ‚Gespenst’, die legendäre Deutschland-Tour mit Russ Meyer, aber auch kommerziell erfolgreiche Kinderfilme wie ‚Pumuckel’ ‚Das letzte Einhorn’. Ab 1986 lehrte Laurens Straub als Professor an der Filmakademie Baden-Würtemberg und ermutigte die Studenten, auf ihre eigene Stimme zu hören, nicht nur nach Anerkennung zu schielen, ihr Talent vor der Beschädigung des Marktes zu schützen und Mut zum Scheitern zu haben. Seine Fähigkeit, Film als fragwürdiges Kunst-produkt der Massenkultur disparat und dissolut zu betrachten, von den Rän- dern einer immer hermetischeren Medienkritik her, trug ihm den Ruf eines agent provocateurs ein, der das Abseitige liebt und das Naheliegende ver-achtet. Auf Filmdiskussionen und in der Presse forderte er gern seine Gegner aus dem Filmverlag und dem Hamburger Filmbüro heraus, indem er ihnen hemmungslose Megalomanie und Gefallsucht vorwarf. Ein starkes Stück war es, als er im Fernsehen äußerte, Rainer Werner Fassbinders heimliches Vor-bild sei Adolf Hitler gewesen. Straub liebte die Gescheiterten und Ver-kannten, Orson Welles, Nicholas Ray, Bernhard Wicki, Vlado Kristl, Heinz Emigholz, Roland Klick, über die er sehr persönliche, kluge Texte schrieb. Auch in der Literatur, Musik, Malerei, liebte er jene Verlorenen der großen Städte, die nach den Worten Viktor Schklowskis „wie eine Nadel ohne Faden durchs Gewebe der Zeit“ gingen: Klaus Mann, Gabriel Fauré, Yves Klein. Über ihn wollte er noch einen Spielfilm mit J.L.Trintignant produzieren. Doch der Beruf des Filmproducers interessierte ihn zunehmend zur Kommer-zialisierung des deutschen Kinos nur als Möglichkeit, mit unbekannten Ta-lentgrößen und unmöglichen Ideen zu jonglieren. Seine Firma NEXTFILM konnte in den 1990-er Jahren eine Reihe ansehnlicher Spiel-und Dokfilme verbuchen, aber keinen echten Kassenerfolg. Für ARTE realisierte Straub zwei Themenabende über Christo und Hunde, nicht aber sein Lieblingsprojekt ‚Trainstories’ von Albert Maysles, den er auf den Hofer Filmtagen 1995 als einen der wichtigsten Vertreter des ‚Cinéma Verité’ erstmals in Deutschland präsentierte. Hof, ‚die Einheit von Ort und Filmutopie’(Straub), blieb bis zu- letzt eine feste Konstante im Leben des nach München, Hamburg und Paris in Berlin gestrandeten ‚Fliegenden Holländers’. Hier residierte er im Kreise sei-ner alten und neuen Freunde im Restaurant ‚Bonfini’ und genoß das Gegen-wärtige „wie aus der Ferne längst vergangener Zeiten“(Richard Wagner). Er aß und trank zuviel, rauchte weiter, als die Diagnose Lungenkrebs im Raum stand und seine Zukunft obsolet war. Statt sich hinzusetzen und den Roman seines Lebens aufzuschreiben, den er in Hunderten Moleskine-Notizbüchern skizzierte, machte er die Interviews für die Werner-Herzog-Werkausgabe auf DVD. Trotz Chemo- und Strahlentherapie begann er einen Kinodokumen-tarfilm über den Filmverlag der Autoren und überwachte noch den Roh-schnitt, als er längst ans Bett gefesselt auf der Krebsstation lag. Am 28. Februar schrieb er in sein Tagebuch: „Sterben ist nichts für Amateure. Ich tue mich schwer loszulassen, das Leben klebt an mir, die Bilder, nicht die Lei-stung. Warum will es mir nicht gelingen, völlig unbedeutend und endlich frei zu sein“. Am Morgen des 19.Aprils starb Laurens Straub mit 62 Jahren wie ein Profi. Ohne Betäubung, allein mit sich und einem Lächeln auf den Lippen. Ein Verlust fürs deutsche Kino und seine Freunde, der nicht billig aufzuwiegen ist.
Thomas Knauf
(Nachruf eingesetzt am 24.6.07 Enki-Team, mit freundlicher Genehmigung von epd film und Thomas Knauf)
DER NACHRUF AUF LAURENS STRAUB, von Thomas Knauf, erscheint im Juni in "epd film" und später hier.
Vorab als word-download oder direkt seine:
GRABREDE FÜR LAURENS STRAUB
Als Ostdeutscher lernte ich Laurens Straub spät kennen,1990 im Gremium der Hamburger Filmförderung. Nach der ersten Sitzung wusste ich, das ist der große Bruder, den ich nie hatte. Da war einer, der das Kino im Blut hatte, den Bauch eines Glücksgottes und die Großzügigkeit des Eskapisten, der seine unbeschei-denen Bedürfnisse gern mit anderen teilt. Obwohl Laurens nie genug Geld hatte, gab er es mit vollen Händen aus und geizte nicht mit seinen klugen, bisweilen unpraktischen, aber immer originellen Ideen. Mit Talenten war er reich gesegnet, als Filmproduzent freilich mehr Dramaturg, Autor, Regisseur und Übervater denn Buchhalter. Sein größtes Talent - Freunde fürs Leben zu finden und seine Feinde als liebe Verwandte zu pflegen. Als entschiedener Befürworter von unentdeckten und vergessenen Talenten riskierte er ebenso Kopf und Kragen wie als gnaden-loser Kritiker von Erfolgreichen, die keine Erwartungen an nichts haben, Das Kino der Autoren war sein Zuhause, Heimat der Desperaten, Süchtigen, Hoff-nungsvollen, deren 13.Apostel Laurens hieß. Er liebte Deutschland und Europa, vor allem Paris. Die Rue de Turenne im Marais-Viertel war seine Rue SANS PEUR. Dort saß der ‚Händler der vier Jahreszeiten’ bei Wind und Wetter am Place des Vosges, verkaufte gute Laune, blies Rauchringe in die Luft, aß und trank zuviel und lud seine Freunde ein, mietfrei bei ihm zu wohnen. Allein dafür, daß ich meinen sächsischen Traum von Paris ausleben konnte, stehe ich in seiner Schuld.
Laurens Straub war ein Genießer des Augenblicks. Ein Flaneur, dem die Parzen bei der Geburt die Augenlider weggeschnitten haben, damit er alles wahrnimmt, worüber die Menschen hinwegsehen. So konnte er endlos auf einen Punkt starren, bis dieser wie eine japanische Seifenblase den ganzen Radius seiner Möglichkeiten offenbart, seine Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Den rasanten Lauf der Zeit suchte der Sammler von Armbanduhren aufzuhalten, indem er sie nicht trug. Wo immer er in Sachen Film unterwegs war, in Cannes oder Cottbus, oder sein Büro errichtete, im Schanzen- oder Scheunenviertel, fand er seinen idealen Stammtisch, von dem aus er den Stand der Dinge überblicken konnte, um auf dem Laufenden zu sein. Was ihm gefiel, wollte er besitzen oder wenigstens in der Hand halten. Er musste Menschen anfassen, um sie zu erfahren und hielt ihnen noch die Treue, wenn er nichts mehr mit ihnen anzufangen wusste. Selbst, was ihm fremd war, konnte er brilliant interpretieren und verwerten, vor allem seinen ästhetischen, erzählerischen Wert. Keine Sache war ihm zu gering, nicht mit ihr zu spielen wie ein selbstzufriedenes Kind. Wenn er etwas kaputtmachte, dann nur, um es origineller, nicht unbedingt praktischer, zusammenzusetzen zum Zwecke des Neugebrauchs. War man mit ihm beruflich oder privat verabredet, wurde man zum Eckermann eines Genius, der das Kino als Weltanschauung im Kopf hatte, die Politik eines vereinten Europas im Herzen und die Tagesproduk-tion von Gaulloise Gelb in der Tasche. Das Tun und Machen zum Zwecke der Profitmaximierung war nicht seine Stärke, obwohl er sein halbes Leben mit Organisieren und Produzieren zu tun hatte. Am glücklichsten schien er, wenn er in seine Moleskine-Notizbücher und Skizzenblöcke von L’Arche de Zoe schrieb und malte, was ihm gerade in den Sinn kam. Der Roman seines Lebens blieb unvollendet, weil ihn Geschlossenheit nicht interessierte und er sich in allem, was er anfing, verzettelte, Zuletzt schrieb Laurens nächtelang gegen die Angst an, daß die Tumore im Kopf sein Gedächtnis ansägen. Am 28.Februar 2007 notierte er: „Warum gelingt es mir nicht, völlig unbedeutend und endlich frei zu sein. Ich meine – Herzlichen Glückwunsch zum Scheitern eines geschlossenen Bildes“.
Es heißt, daß wir unser Bild von einem Menschen mehr lieben, als den Menschen selbst. Laurens Straub war, wie kaum ein anderer, identisch mit seinem Bild. Außen rund wie ein Fußball, innen prall gefüllt mit der Luft spielerischer Gedanken, die überall, wo sie hinrollten, aneckten, oft ins Aus schossen, häufig das Tor nur knapp verfehlten, aber häufiger anderen Spielern als Steilvorlage für ihren Erfolg dienten. Selbst im Sterben motivierte er noch andere zu Leistungen, die sie allein nicht vollbringen konnten. Er stiftete Frieden zwischen Freunden, die sich beharkten, knüpfte Familienbande, wo nur lose Bekanntschaft war und forderte tätige Liebe ein, wo Betroffenheit als allgemeine Angst vorm Tod ihm keine Hilfe war. Unvergessen bleiben die Stunden an seinem Krankenbett, wo ich ihm aus Dantes ‚Divina Commedia’ vorlas. Die Reise durch die sieben Kreise der Hölle wurde zur tröstlichen Gewissheit, daß nichts uns passieren kann, was uns nicht längst passierte. Zuletzt, als Laurens sich furchtbar quälte, weil er nicht loslassen konnte und am Leben klebte wie eine Fliege am Leim, liebte er den Satz meines Psychiaters, der mir einmal mit Filzstift auf die Hand schrieb: Das geht vorbei. Laurens sagte ihn jeden Tag auf Holländisch: Het chaat vorbei! und lachte, obwohl ihm nicht danach zumute war. Als er gestorben war, lächelte er und hatte ein Auge halb geöffnet. Als wollte er noch Zuschauer im Augenblick seines Todes sein. Der Mystiker Emanuel Swedenborg behauptet, daß die Toten nicht wissen, daß sie gestorben sind. Sie merken es nur daran, daß sie alles viel intensiver als im Leben wahrnehmen. Wenn dem so ist, brauchen wir Laurens nicht zu betrauern, nur uns, die wir ohne ihn in dieser vor Wahnsinn knallenden Welt bleiben müssen, während er DA DRÜBEN in einem seiner Stammcafès sitzt und sich Gedanken über die Dinge des Todes macht, die ohne ein Bild von sich unerkannt vorbeigehen und deshalb wahrgenommen werden wollen. Sein ist abgebildet sein, sagte Heraklit, somit ist auch der Betrachter Teil des Abbildes. Auch in diesem Sinne ist Laurens Straub ein Unsterblicher, da er nie aufhören wird, uns aus irgendeiner Ecke unserer Erinnerung anzusehen, sei es in München, Hamburg, Paris oder Berlin.
Thomas Knauf
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